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Platzanweiser für
Lippenstifte
Mediaplaner wissen
genau, wo und wann Werbung am besten funktioniert
Von Oliver Burgard
Steckbrief einer Konsumentin:
Anfang 30, keine Kinder. Hochschulabsolventin, modebewusst, gut bezahlter
Job in einer mittelgroßen Stadt. Leute wie sie sind für die werbetreibende
Wirtschaft besonders interessant. Sie geben gern Geld aus, wechseln öfter
mal die Marke und sind bereit, etwas Neues zu probieren - und gelten als
besonders empfänglich für Werbebotschaften aller Art. Genau diesen Konsumenten
gilt deshalb Monika Kramers ganzes Interesse. Welche Zeitschriften lesen
sie regelmäßig, welche nur ab und zu? Welche Filme und Sendungen sehen
sie gern im Fernsehen? Gehen sie oft ins Kino? Als Mediaplanerin der Düsseldorfer
Agentur Optimum Media entscheidet die 27-Jährige, in welchen Medien Anzeigen
oder Werbespots platziert werden. Für werbetreibende Unternehmen legt
Kramer die "richtigen Kommunikationswege" fest - damit die Werbebotschaften
an der gewünschten Stelle ankommen und die Zielgruppe im Supermarkt ins
richtige Regal greift. Das Verhältnis zwischen werbenden Unternehmen und
Medien ist das einer gegenseitigen Abhängigkeit. Die einen können nicht
ohne die anderen und umgekehrt. Irgendwo dazwischen fungieren die Mediaexperten
als Schnittstelle. Mediaagenturen sind das Nadelöhr, durch das fast alle
Werbegelder fließen. Wie der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft
errechnet hat, pumpte die Werbewirtschaft 1998 rund 41 Milliarden Mark
in die Kassen der Medien. Mediaexperten entscheiden, wer wie viel von
dem Budget abbekommt, das die Kunden für eine Kampagne bereitstellen.
Vor etwa 15 Jahren galten Leute wie Monika Kramer noch als die Kellerkinder
der Werbeagenturen. Die Medienlandschaft war übersichtlich, die Auswahl
an Werbeträgern begrenzt. Und die Entscheidung darüber, wo die von den
Kreativen - den unangefochtenen Branchenstars - entworfene Werbung zu
platzieren war, entsprechend einfach: teure Kosmetik in der Frauenzeitschrift,
Seife und Schokoriegel im Vorabendprogramm von ARD und ZDF, Lebensversicherungen
im Wirtschaftsteil der großen Tageszeitungen. Das war's. Heute indes ist
die richtige Platzierung von Werbung zu einer hoch komplizierten Angelegenheit
geworden. Über Kabel oder Satellit können Dutzende von privaten TV-Kanälen
ins Wohnzimmer geholt werden. Am Kiosk stapeln sich neben den Tageszeitungen
bunte Special-Interest-Magazine für jeden Geschmack, jedes Hobby, jede
Zielgruppe. Um keinen neuen Trend zu verpassen, kämpfen sich die Mediaplaner
durch Berge von Statistiken. Marktforschung, Fernsehforschung, Internet-Forschung
- die Mediaexperten wissen als Erste, welche Zeitung nicht mehr gelesen
wird, welche Sendung Zuschauer gewinnt oder verliert, wie viele Frauen
der Altersgruppe 20 bis 30 jeden Tag länger als eine Stunde durchs Web
surfen. Mediaexperten verschafften ihren Kunden den Durchblick im Mediendschungel
und gehörten inzwischen zu den "begehrtesten Werbeleuten", sagt Dieter
Arndt, Leiter der Frankfurter Akademie für Marketing-Kommunikation. Wenn
ein Kunde beispielsweise einen vitaminangereicherten Lippenstift neu auf
den Markt bringen möchte, definiert Monika Kramer als Erstes die Zielgruppe,
die dafür überhaupt infrage kommt: welches Alter, welches Geschlecht und
welches Einkommen, persönliche Interessen und Einstellungen, wie Mode-
oder Gesundheitsbewusstsein. Dann erst folgt die Wahl der Werbeträger:
Denkbar wäre ein 30-Sekunden-Spot in der Werbepause der ARD-Sendung Herzblatt
(Preise zwischen 35 791 Mark im ersten und 42 246 Mark im zweiten Werbeblock)
oder vielleicht eine ganzseitige Farbanzeige in der Brigitte (91 400 Mark).
Bevor die Entscheidung fällt, müssen viele Faktoren abgewogen werden.
Zum Beispiel der "Tausenderkontaktpreis" - die Summe, die ein Werbekunde
investieren muss, um 1000 Personen innerhalb der definierten Zielgruppe
zu erreichen. Seit kurzem beziehen die Mediaexperten auch das Internet
als Werbeträger in ihre Planungen ein. "Vor einem Jahr war das noch kein
Thema", sagt Kramer. Die Online-Variante der Lippenstiftkampagne könnte
so aussehen: Der Mediaplaner platziert ein Werbebanner des Kosmetikherstellers
auf der Internet-Seite der "deutschen Webgrrls", des "Netzwerks für Frauen
in den neuen Medien". Preise für Online-Werbung liegen zwischen 50 und
150 Mark pro 1000 Zugriffe auf eine Website. Regelmäßiges Fernsehen gehört
zur privaten Weiterbildung Nicht alle Kunden lassen den Planern bei der
Wahl der Werbeträger freie Hand. "Manche sagen: no sex, no crime, no politics,
no religion", berichtet Jens Wilhelm, Mediaplaner der Agentur Eurospace
Media in Düsseldorf. "Wenn es nur auf Einschaltquoten und Marktanteile
ankäme, könnte ein Computer meinen Job machen." Doch es gibt Fragen, die
sich nicht allein auf der Basis von Statistiken entscheiden lassen. Big
Brother zum Beispiel: "Die Zahlen stimmen: super Quoten, junge Zuschauer.
Aber das Werbeumfeld ist problematisch. Das können sich im Prinzip nur
Unternehmen leisten, denen ihr Image egal ist", sagt Wilhelm. Auch Kramer
hätte Bedenken, ihren Kunden eine Sendung wie Big Brother zu empfehlen:
"Mit hochwertigen Produkten sollte man da besser nicht reingehen." Regelmäßiges
Fernsehen gehört für die Mediafachleute Wilhelm und Kramer als private
Weiterbildungsmaßnahme zum Beruf. Vor seinem Einstieg in die Werbebranche
hat Wilhelm Betriebswirtschaft studiert. Unter seinen Kollegen sind viele
Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaftler, eine Diplompädagogin,
auch ein Mediziner. Die nötigen Fachkenntnisse gewinnen Mediaexperten
meist erst nach dem Berufseinstieg. Bislang gibt es an deutschen Hochschulen
keinen spezialisierten Lehrstuhl und nur wenige berufsbegleitende Weiterbildungsmöglichkeiten.
Große Agenturen fördern ihren Medianachwuchs durch Traineeprogramme und
interne Schulungen, doch "der ständig wachsende Bedarf an Mediaexperten
kann seit langem nicht mehr gedeckt werden", meldete das Branchenblatt
Werben & Verkaufen vor kurzem. Ein Mediaexperte müsse unbedingt ein "ausgeprägtes
Interesse an Zahlen" mitbringen, sagt Wilhelm. Dazu Fachkenntnisse, wie
sie etwa die Frankfurter Akademie für Marketing-Kommunikation in einem
berufsbegleitenden Medialehrgang vermittelt: Marketing und Marktforschung,
Kommunikationstheorien und Werbewirkungsforschung. Entscheidend sei die
richtige Mischung aus betriebswirtschaftlichen und medienwissenschaftlichen
Kompetenzen, so Akademieleiter Dieter Arndt. Die Einstiegsgehälter für
Mediafachleute sind allerdings immer noch außerordentlich niedrig. Sie
verdienen im Jahr zwischen 35 000 und 50 000 Mark. Andererseits lockt
die Werbebranche mit der Aussicht auf schnelle Karrieresprünge. Und dann
ist da noch die Erotik der Macht. Wenn Mediaplaner den Sendern plötzlich
Werbegelder streichen, kippen Sendungen aus dem Programm, müssen Redakteure
sich neue Jobs suchen. "Wir haben einen sehr großen Einfluss auf Sender
und Zeitungen", sagt Wilhelm, der sich selbst diplomatisch einen "Mittler"
zwischen Medien und Werbekunden nennt. Als "Mittler" nimmt er zuweilen
auch Einfluss auf die Themen der journalistischen Berichterstattung: "Manchmal
kommt ein Werbekunde und sagt: Wir würden uns in einer bestimmten Zeitschrift
- meist sind das Publikumszeitschriften für Lifestyle, Mode oder Autos
- ein Special über eine bestimmte Produktgruppe wünschen und dann mit
einer Anzeige reingehen." Diese Art "Wunsch" gibt Wilhelm an die Zeitschrift
weiter. Dass auf diese Weise neben der Anzeige für den neuen vitaminangereicherten
Lippenstift automatisch ein passender redaktioneller Beitrag erscheint,
bestreitet Martin Fischer, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Milchstraße,
vehement. Die Vorstellung neuer Produkte gehöre zur Kosmetikberichterstattung
der Lifestyle-Presse, aber "wer mit Anzeigen gut bestückt ist, lässt sich
nicht kaufen", sagt Fischer. Erwünscht seien dagegen "kreative Kooperationen"
zwischen werbetreibenden Unternehmen und Medien - etwa wenn Mercedes-Benz
der Zeitschrift Amica einen Smart für ein "tolles Foto-Shooting" zum Thema
"Summer in the City" zur Verfügung stelle. Solche Kooperationen gingen
oft auf Ideen der Mediaagenturen zurück. Themen und Stil der Berichterstattung
blieben hiervon unberührt, stellt er klar. "Immer sachlich, kritisch und
fair." Dass der "Stellenwert ihres Berufs gestiegen ist", merkt Kramer
an den Reaktionen ihrer Kollegen. Früher wurde sie von manchen als "Erbsenzählerin"
bezeichnet. Solche Bemerkungen hört sie inzwischen nicht mehr.
(c) beim Autor/DIE
ZEIT 2000 Nr. 23 All rights reserved.
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