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Christiane Grotheer:
Werbung im Kindergarten
Hausarbeit innerhalb
des Seminares Medienpädagogik konkret: Kinder und Werbung, Frühjahr
2000
Einleitung
Inwieweit die Werbung
auf Kinder manipulierend wirkt, wird am deutlichsten in ihrem Spiel .
Häufig wird das im Fernsehen Gesehene von Kindern im freien Spiel individuell
verarbeitet. Dabei übernehmen sie bekannte Werbeslogans, indem sie zum
Beispiel Figuren aus dem Fernsehen beim Spiel imitieren oder bestimmte
Melodien aus der Werbung, die sich bei ihnen eingeprägt haben nach singen
oder summen. Aber nicht nur das Fernsehen, als ein beliebtes Medium, zeigt
Tendenzen der Manipulation durch die Darstellung der Werbung, sondern
auch das Radio, das besonders die Ohren beansprucht. Im Radio werden innerhalb
eines Werbespots die Klänge, Musik und Sprache genau aufeinander abgestimmt,
damit der Spot trotz fehlender visueller Wahrnehmung, durch das Auge,
auch rein akustisch noch überzeugend wirkt. Auch konstruktive Werbeplakate,
auf denen Produkte in sehr aufdringlicher Form dargestellt werden, sei
es durch die Anordnung der Größe des angebotenen Produktes oder die Wahl
der Farben, sowie die Wahl der Schrift und die Form können sich enorm
in das Gedächtnis von Menschen, auch schon von Kleinkindern einprägen.
Jedes Bonbon und jeder Lolli ist in farbenfrohes Papier gehüllt, natürlich
mit dem Aufdruck der Süßwaren- Marke, denn die Konkurrenz der verschiedenen
Waren ist groß und jeder einzelne Artikel muß vom anderen differential
bleiben. Die Werbung ist ein mitbestimmender Faktor der Marktwirtschaft.
Die Wirtschaft profitiert von der Werbung, denn ohne sie wäre der Absatzmarkt
nur halb so ergiebig. Es heißt auch zurecht bei den Unternehmen: " Je
besser die Werbekampagnen, desto größer der Umsatz der Produkte" Werbung
hat also durchaus ihre positive Funktion. Aber welche Position hat die
Werbung in einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft? Ist sie
wirklich nur der Verkünder von Werte- Kriterien, von denen sich jeder
Mensch beliebig distanzieren kann? Hat nicht die Werbung schon weite Freiräume
unserer Umwelt vereinnahmt ohne daß irgendwer darum gebeten hat? Die vorliegende
Arbeit beschäftigt sich weniger mit diesen Fragen, sondern geht vielmehr
der Frage nach, inwieweit Kinder zu Werbeträgern, außerhalb der unmittelbaren
Konfrontation durch die hier aufgeführten Medien, werden. Die praktische
Umsetzung dieses Themas im Kindergarten, anhand von Untersuchungen, soll
einen Einblick in die Werbewelt der Kinder wiedergeben.
1.0 Einführung
in das Thema "Kinder und Werbung", durch einen Gesprächskreis mit Vorschulkindern
( 4-6jährige ) im Kindergarten
Bevor ich an jenem
Morgen die Kindergruppe, die meinen täglichen Arbeitsalltag mitbestimmt,
zu einem Gesprächskreis zusammenrief, hatte ich mir vorher ein didaktisches
Konzept überlegt, daß die Kinder mit dem Thema vertraut machen sollte.
Dazu gehörte ein gezielter Fragekatalog, der es den Kindern ermöglichen
sollte, sich spontan zu äußern und sich besser am Thema zu orientieren.
Es sollte eine offene Gesprächsrunde werden, in der sich möglichst viele
Kinder angesprochen fühlen und sich entsprechend beteiligen sollten. Der
Stuhlkreis bestand aus 12 Kindern im Alter von 4- bis 6 Jahren, einer
Praktikantin und mir. Ich übernahm dabei die Gesprächsführung, indem ich
zunächst Fragen an die Kinder richtete, um dann spontane Erwiderungen
der Kinder entgegenzunehmen. Ich begann zunächst mit der Frage: " Kennt
ihr die Werbung?" Nach einer kurzen Pause und fragenden Augen kam dann
ein zögerndes "Ja" von einigen Kindern. Dann sagte ein Junge (6 Jahre
alt ): " Werbung, das ist doch Reklame und das gibt es doch im Fernsehen".
Diese Erkenntnis wurde von fast allen Kindern aus dem Kreis bestätigt.
Damit wurde schon zum Teil beantwortet, wo man Werbung sehen kann. Also
richtete ich eine erneute Frage an die Kinder, die lautete: " Wo kann
man denn Werbung noch sehen?" Wieder war es für kurze Zeit still im Raum,
was ein Zeichen der aufkommenden Konzentration der Kinder war. Dann sagte
ein Mädchen ( 5 Jahre alt ): "Draußen gibt es die Werbung zu sehen, auf
Schildern, an Häusern." Ich bestätigte ihre Aussage. Daraufhin erwähnten
andere Kinder nacheinander, auf U-Bahnhöfen und an Bushaltestellen. Auch
diese Aussagen bestätigte ich und ergänzte noch als Begriffe Werbeplakate
und die Litfaßsäule, die häufig auf Gehwegen zu sehen ist, sowie die Leuchtreklame
vor Geschäften, Cafe's und Gaststätten. Dann erklärte ich den Kindern,
daß wir die Dinge, die wir eben aufgezählt haben, als Werbung- oder auch
Werbungsträger verstehen. Die nächste Frage lautete: " Was wird auf diesen
Plakaten in U-Bahnhöfen, an Bushaltestellen oder an Litfaßsäulen denn
gezeigt?" Jetzt gab es eine längere Pause, in der die Kinder angestrengt
nachdachten. Ich versuchte einzulenken, indem ich fragte, ob sich die
Kinder erinnern können, was sie z.B. einmal auf einem großen Plakat gesehen
haben. Daraufhin folgte von einem Kind: "Was zum Essen." Ein anderes sagte:
Ja, und auch was zum Trinken." Die zunächst recht vagen Erklärungen zur
Frage, was es auf den Plakaten zu sehen gab, wurden im weiteren Verlauf
des Gespräches konkreter definiert. Ein Kind erinnerte sich an einen riesigen
lila-weiß-farbigen Elefanten und assoziierte sofort daraus die Milka Schokolade.
Dann folgten ein großer weißer Eisbär mit kleinen Eisbären -kindern, die
aus einer Coca-Cola Flasche tranken. Nun wurden bei einigen Kindern Wiedererkennungsprozesse
deutlich. Sie erklärten ziemlich durcheinander einzelne Bilder, die eindeutig
Werbeprodukte hörbar werden ließen. Ich mußte die Runde steuern und die
Kinder auffordern einzeln und nacheinander zu sprechen, damit alle ausreden
und verstanden werden konnten. Später erwähnten andere Kinder, daß auf
den Plakaten, die sie draußen gesehen haben, auch Menschen, oft Erwachsene
aber auch Kinder ganz groß abgebildet waren. Um den Inhalt der verschiedenen
Werbeangebote noch einmal zusammenzufassen, ließ ich einzelne Kinder noch
einmal wiederholen, was wir bisher über Werbung herausgefunden haben.
Danach fragte ich die Kinder, ob sie auf den Plakaten immer erkennen können,
um was es geht, also für was geworben wird. Die meisten Kinder bejahten
diese Frage aber einige Kinder verneinten sie auch. Daraufhin ermutigte
ich ein paar Kinder nacheinander, sich ein Plakat nochmals vorzustellen,
wie es ausgesehen hat und es uns dann zu beschreiben. Ich forderte danach
andere Kinder auf, doch mal versuchen zu raten, was das wohl sein könnte.
Als es Schwierigkeiten bei der konkreten Beschreibung des imaginären Plakates
gab, unterstützte ich die beschreibenden Kinder, indem ich z.B. fragte,
ob es etwas zu Essen sei oder ähnliches. Nach einer Weile wiederholte
ich die Frage, ob denn die Kinder wüßten, um was es hier ging. Es kamen
geratene Antworten, die jedoch nicht den Vorstellungen der betreffenden
Kinder entsprachen und somit forderte ich sie auf, die Lösung an uns weiter
zu geben. Zur Erweiterung dieser Gesprächsrunde erinnerte ich daran, daß
zu Beginn unseres Gespräches ein Kind sagte, daß es die Werbung doch im
Fernseher gibt. Jetzt stellte ich die Frage: "Was denn beim Fernsehen
anders ist als auf den Bildern (Plakaten )?" Es kamen Antworten, daß im
Fernseher Geräusche und manchmal Musik zu hören sind. Ich ergänzte, indem
ich die Differenzierung betonte. Ach so, man kann also nicht nur Bilder
sehen sondern auch Geräusche und Musik hören. Sofort kam die Ergänzung
von einem Kind: "Und Stimmen, die Leute sprechen da." Danach stellte ich
eine weitere Frage: "Und was wird in der Werbung gezeigt?" Gleich kam
von einem Kind die Antwort: "Na, auch was zum Essen, Süßigkeiten", das
dann aber von einem anderen Kind unterbrochen wurde: "Ja, aber auch Spielzeug
und Spiele-....... "und Kleider" Ich ging auf die Aussagen der Kinder
ein und fragte, was für Spielzeug beim Fernsehen gezeigt wird. Es kamen
Antworten, wie Lego, Playmobil, Barbie, Pokémons und ähnliches. Am Schluß
der Gesprächsrunde sagte ich zu den Kindern, daß wir jetzt schon eine
Menge über die Werbung herausgefunden haben und unseren Kreis jetzt auflösen
wollen mit der Aufgabe, daß jedes Kind ein Bild malen sollte, über ein
Werbeprodukt, daß es schon mal draußen auf einem Plakat oder im Fernseher
gesehen hat. Später waren dann recht phantasievolle Werbeprodukte der
eigenen Kreation der Kinder auf den einzelnen Bildern zu sehen. Die Gesprächsrunde
dauerte ca. 20-30 Minuten.
1.1 Vertiefung
des Themas "Kinder und Werbung" durch konkretes Anschauungsmaterial (
Reklameseiten aus diversen Illustrierten )
Am nächsten Morgen
fanden die Kinder und ich uns wieder zu einem Gesprächskreis zusammen.
Ich fragte, wer von den Kindern noch weiß, worüber wir gestern gesprochen
haben. Einige sagten dann über Werbung, was ich bestätigte. Dann griff
ich dieses Thema erneut auf und sagte, daß ich ihnen heute etwas mitgebracht
habe. Ich zeigte ihnen insgesamt acht verschiedene Reklameseiten , die
ich ihnen zunächst einzeln vorstellte. Die Kinder erzählten, was sie darauf
sahen. Schuhe, Menschenköpfe, ein Kind, daß einen Löffel mit Brei zum
Mund führt, etc. Spontane Eindrücke entstanden. Später wurden diese Werbekampagnen
differenzierter betrachtet. Es wurde nach "Auffälligkeiten" geschaut.
Dazu gab ich Anregungen, indem ich die Kinder auf die Farben im Bild,
die Größe des Produktes und die Wahl der Schrift und deren Form aufmerksam
machte. Interessant war dabei, daß auf einigen Werbeseiten das eigentliche
Produkt, für das geworben wurde, häufig nur sehr klein erschien auf den
Bildern. Zum Beispiel bei der Werbung, für Nivea-Creme ist die runde,
blaue Dose nur im rechten, äußeren Bildrand recht klein aber erkennbar
abgebildet. Die Familienköpfe ( Mutter, Tochter, Vater ) hingegen sind
im Vergleich zur Dose viel größer abgebildet. Das fiel dann im Gespräch
auch den Kindern auf. Auf meine Frage hin, warum das wohl so gemacht wurde,
konnte ein Kind (6 Jahre ) auch antworten,..... " weil doch die Creme
für das Gesicht ist." Ähnlich ist es auch auf der Werbeseite für Mirácoli.
Dort ist im Vordergrund ein Paar ( Mann und Frau ) zu sehen, daß zufrieden
lächelt. Im Hintergrund ist leicht verschwommen aber noch deutlich, ein
anderer Mann zu sehen. Er lächelt ebenfalls. Hier soll die Harmonie dargestellt
werden. Der Teller Mirácoli ( Inhalt: Spaghetti und Tomatensoße ist zu
sehen ) steht fast unscheinbar vor dem Paar auf einem Tisch. Trotzdem
wirkt dieses Bild sehr ansprechend. Es wird durch das Bild suggeriert,
daß es einem mit Mirácoli gut geht. Ein lächelndes, kommunizierendes Paar
unterstützt den Werbeslogan: " Da kommt Leben an den Tisch." Bei der Betrachtung
dieses Bildes wußten die Kinder sehr schnell, für was geworben wurde,
obwohl sie noch nicht lesen können. Es gab Kinder, die das Markenzeichen
( Logo ) des Werbeproduktes sofort wiedererkannten, mit der Äußerung,
daß sie das schon mal gesehen hätten. Ich ließ sie mit ihrem Finger darauf
zeigen, so daß alle Kinder das entsprechende Logo sehen konnten. Vergleiche
mit den anderen Bildern wurden gemacht, auf denen die Kinder die Logos
zeigen sollten ( Kraft, Bergader, Lego, Duplo, Deutscher Ring, Míele und
Primigi ). Als nächste Werbeseite zeigte ich den Kindern den Bonifaz-
Pfefferbrie-Käse, aus dem Hause Bergader. Ein interessanter Aspekt ist,
daß der Käse in originaler Größe auf dem Bild abgebildet ist. Der Käse
in dieser Größe spiegelt die Realität wieder, denn in dieser Form liegt
er zum Kauf am Käsestand bereit. Zum Vergleich ließ ich die Kinder einzeln,
ihre Hand auf den Käse legen. Bis auf wenige Ausnahmen waren fast alle
Kinderhände kleiner, als der Käse. Die Kinder konnten sich vorstellen,
diesen Käse in der Hand zu halten. Im Anschluß richtete ich eine weitere
Frage an die Kinder: " Wo kann man diesen Käse kaufen?" Ein Kind antwortete
daraufhin, im Supermarkt. Die Wahl der Farben am Beispiel des Míele- Geschirrspülers
wirkt kontrastierend. Das Geschirr wurde von den Kindern nicht sofort
erkannt. Die Teller, die im unteren Bereich der Werbeseite angebracht
sind, in der Farbe Mittelblau, wirken wie ein Schatten im Hintergrund.
Auch das glitzernde, metallene Besteck im Vordergrund der Seite, wurde
von den Kindern erst nach näherem Hinsehen erkannt. Die erste Assoziation
bei der Betrachtung des Bildes, war ein elektrisches Gerät oder eine Heizung.
Das Míele- Logo hingegen wurde sofort wiedererkannt. Einige Kinder sagten,
sie hätten so einen Kühlschrank von Míele zu Hause. Auf der nächsten Werbeseite
ist die Primigi-Sandale einmal überdimensional und einmal klein abgebildet
Die dicke Noppen- Sohle und die ebenfalls stark vergrößerten Lederriemen
wirken dadurch sehr optisch recht beeindruckend. Die Sandale wirkte in
ihrer Aufmachung wie ein Rennauto auf die Kinder. Diese bemerkenswerte
Äußerung eines Kindes, gab mir den Anlaß den dafür vorgesehenen Werbeslogan
vorzulesen, was die Kinder in ihrem Empfinden bestätigte. " Geländewagen
mit Allradantrieb. Starten Sie ihr Kind und los geht es." Beim Vergleich
mit einer anderen Schuhmarke "Ricosta" wurden Parallelen von den Kindern
erkannt Die Form der Schuhe ist ähnlich und es gibt auch Klettverschlüsse.
Sympathiebekundungen wurden geäußert. " Ich find die toll" oder " Die
gefallen mir besser." Am Schluß des Kreises wurden alle acht Bilder neben-
und untereinander aufgereiht, so daß alle Kinder sie sehen konnten. Es
wurde nach bestimmten Merkmalen gesucht. Schriftform, Farben, Größen,
aber vor allen nach Logos. Sieben von den acht gezeigten Werbeprodukten
hatten ein Logo.
1.2 Werbung in
Kinderzeitschriften
Um herauszufinden
inwieweit für Produkte in Kinderzeitschriften geworben wird, habe ich
einige Stunden in einem internationalen Presse-Shop zugebracht und dort
in der Abteilung für Kinderzeitschriften interessante Ergebnisse erzielt.
Im Heft "Benjamin Blümchen", Nr.5, * Lesen * Lachen * Begreifen, sind
allein neun Werbeseiten von insgesamt 30 Seiten enthalten. Auf der dritten
Seite geht es gleich los mit Ehrmann-Joghurt- Knister Spaß, Super RTL
wirbt für Kindersendungen, Fisher-Price bietet Inline Skates, unter dem
Motto: Skate' N' Fun an, dann folgen die Milky-Way Crispy Rolls, Lego
zeigt das Reich der Ritter, Playmobil und Meccano zeigen Spielautos und
Schaufelbagger. Die Abschlußseite der Zeitschrift ( wird übrigens auch
in den folgenden Zeitschriften gern als Werbeseite gefüllt ) ist ausgefüllt
mit dem Happy-Joghurt- Vanille, von m&m's. Ähnlich ist es auch in den
Zeitschriften: Die Maus, ein Bastelbilderbuch (eine illustrierte Ausgabe
aus der Fernsehserie: Die Sendung mit der Maus- Lach- und Sachgeschichten),
Die Schlümpfe, beide Zeitschriften sind im Verlag Bastei Jugend integriert,
sowie Barbie, Käpt'n Blaubär, Bibi Blocksberg und Philipp. Ich möchte
hier nicht jeden einzelnen Werbeartikel aus jeder Zeitschrift auflisten,
sondern im wesentlichen bemerken, daß es sich bei den Werbeprodukten vorwiegend
um Süßwaren und Kinderspielzeug handelt. Die Konzerne Lego und Playmobil
bieten mehrmals in einer Zeitschrift ihre Spielwaren an. Auch der private
Fernsehsender Super RTL wirbt wiederholt für verschiedene Kinderserien.
In fast allen hier aufgeführten Kinderzeitschriften erscheinen dieselben
Markenartikel oder Ähnliche, desselben Herstellers.
2.0 Werbekonsum
und Werbekompetenz der 4-6 jährigen Kinder
In der Altersgruppe
der 4-6 jährigen beginnt sich die Fähigkeit zu bilden, die Kategorien
"Werbung" und "Programm" voneinander unterscheiden zu können. Aufgrund
der fortschreitenden kognitiven Entwicklung ist in diesem Alter zu erwarten,
daß die Kinder zwar über ein Grundverständnisder Intentionen einzelner
Akteure in Werbespots verfügen, die Kompetenz hingegen ist noch nicht
hinreichend ausgebildet. Ein kompletter Werbespot in seiner strategischen
kommunikativen Ausrichtung wird vondieser Altersgruppe noch nicht durchschaut
Ihre Repräsentationsfähigkeit eines gesamten Spots ist noch nicht vollständig
entwickelt. Die Perspektive der Kinder beschränkt sich von daher auf das
Wiedererkennen von bereits Bekanntem, was eine komplexere Aufarbeitung
relativ kurzer und anspielungsreicher Spotsequenzen noch nicht möglich
macht. Personen und Tiere, sowie klar herausgestellte Gegenstände (z.
B. Automarken) werden wiedererkannt und können entsprechend dem Werbetyp
zugeordnet werden. Die Auffassungsgabe der Kinder orientiert sich an einem
Personenschemata, reicht aber nicht für Details in den Spots. Auch ist
ihr Erinnerungsvermögen bei einer zu raschen Bildabfolge (1/2 Sekunde)
noch recht lückenhaft. Ebenso eingeschränkt ist die Beurteilung der Glaubwürdigkeit
der Werbung. Die Kinder orientieren sich noch sehr an der Meinung der
Erwachsenen, z. B. ihrer Eltern oder ggf. ihrer älteren Geschwister. Ihr
Einschätzungsvermögen in bezug auf bestimmte Werte-Kriterien ist rationell
noch nicht entwickelt, sondern richtet sich weitgehend nach ihren individuellen
Empfindungen. Es ist also eher emotional ausgerichtet. Deshalb wirken
Werbespots, die Kinderspielzeug und Süßwaren beinhalten auch entsprechend
auf Kinder. Hinzu kommt, daß in diesen Spots gezielt Kinder als Akteure
von den Werbeproduzenten eingesetzt werden, was die Idendifizierung mit
den Werbeprodukten zusätzlich steigert. Die Kinder sind noch nicht in
der Lage, die Funktion der Werbung strategisch voll zu erfassen. Die Kaufanregung
und Produktinformation wird noch nicht von ihnen verstanden. Auch ist
ihnen noch nicht deutlich, daß Werbung auf sie selbst und ihr Konsumverhalten
zielt. Sie lassen sich blenden von den leuchtenden Farben, den psychologisch
geschickt in Szene gesetzten Spielzeugartikeln (gerade auch durch die
agierenden Kinder in den jeweiligen Spots), sowie die Untermalung von
Musik/ Geräuschkulisse und Sprache, die ganz auf die Emotionen der Kinder
abzielt. Die Sprache wird oft in kurzen Slogans wiedergegeben, die direkt
zum "Kauf" der Prdukte auffordern. Eine phantastische Scheinwelt suggeriert
den Kindern ein Leben volker Freude und Zufriedenheit, was sie oft noch
nicht klar von der Realität trennen können.
2.1 Wir spielen
ein Stehgreifspiel mit einem Störfaktor - die Werbung
Die Idee mit den Kindern
spontan ein Stehgreifspiel zu inszenieren gewann an Bedeutung, nachdem
ich seit einigen Wochen ein paar Jungen, im Alter zwischen 4 und 6 Jahren
in ihrem Spiel dabei beobachtete, wie sie Figuren aus einer bekannten
Trickfilmserie imitierten. Es handelte sich dabei um die japanische Pokemon-Serie
im Fernsehen.Sie kommt täglich montags bis freitags von 14:45 bis 15:15
Uhr aufRTL2, wie ich später erfuhr. Die Jungen spielten meistens zu dritt
oder zu viert, häufig nach dem Frühstück im Kindergarten. Sie spielten
in folgenderKonstellation. Der älteste Junge war der Trainer Ash, der
mit seinem besten Freund Pikachu auf Monster-Jagd ging. Die Monster mußten
selbstverständlich die übrigen Jungen spielen. Dazu benötigte Trainer
Ash einen Pokeball, den er von zu Hause mitbrachte. Ein rot/weißer Ball,
im Format eines Tennisballs, mit dem er seine Monster fing. Dieses Spiel
wiederholte sich fast täglich und zog die Faszination der anderen Kinder
aus der Gruppe mit sich. Irgenwann tauchten dann auch diese Monster als
Abziehbilder und als Plüschtiere im Kindergarten auf. Als ich die Kinder
nach einiger Zeit fragte was sie da spielten, klärten sie mich übder den
Inhalt der Trickfilmserie und die Bedeutung und Funktion der einzelnen
Animationsfiguren auf. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie man
das beliebte Spiel der Jungen umsetzen konnte. Als ich am Montag im Morgenkreis
das Thema Werbung noch mal kurz aufgriff, weil mich interessierte, ob
die Kinder denn die im Fernsehen gezeigten Spots wirklich ansehen, machte
ich eine interessante Erfahrung. Es ist ja bekannt, daß die privaten Sender,
wie RTL2 oder Super RTL zwischen den Kinderserien auch ständig Werbeblocks
einblenden, die vorzugsweise Kinderspielzeug und speziell auf Kinder ausgerichtete
Waren beinhalten. Durch diese Pokemon-Serie angeregt, fragte ich wer von
den Kindern diese sieht? Ich fand dann heraus, daß es sieben Kinder waren.
Darunter sechs Jungen und ein Mädchen. Sieben von insgesamt 14 Kindern.
Dann ließ ich mir Inhalte der Serie erzählen und lenkte später in die
Richtung der Werbespots. Ich fragte, wann denn die Werbung im Fernsehen
kommt, wenn sie fernsehen. Einige Kinder sagten recht uneinig: "Vorher",
andere erwiderten: "Nein, nachher". Ich fragte dann konkret, ob die Kinder
die Serie zu Ende sehen können oder ob sich da immer die Werbung dazwischen
mogelt. Sie stimmten mir zu, daß es Werbepausen während der Trickfilmzeit
gibt. Dann wollte ich von ihnen wissen, wie sie das finden. Diese Frage
konnten sie mir nicht so recht beantworten. Ein Kind (6Jahre) sagte dann
aber, daß das stört und daß der Film dann immer unterbrochen wird. Das
fanden dann alle blöd. Nun fragte ich, ob die Kinder gestern ferngesehen
haben. Fünf Kinder bejahten meine Frage und erzählten auch gleich, daß
sie Ronja Räubertochter gesehen haben. Ich hörte mir wieder einige Szenen
aus dem Film an und hatte plötzlich eine Idee. Ich fragte die Kinder,
ob wir nicht später Ronja Räubertochter spielen wollen. Na, klar waren
sie begeistert. Ich sagte ihnen auch, daß wir die Werbung, als Unterbrecher
auch spielen müßten. Im späteren Tagesverlauf (nach dem Mittag) fanden
wir uns wieder zusammen und ich fragte die Kinder, die Ronja Räubertochter
gesehen haben, ob sie sich alle an eine Stelle im Film erinnern können,
die sie spielen möchten. Ich habe die Rollen nicht festgelegt, sondern
bat die Gruppe sich selbst Personen zu überlegen, um die Phantasie der
Kinder nicht einzuschränken. Dabei wollten anfangs alle Mädchen die Ronja
sein. Im Nachhinein tauchte dann aber noch eine Stiefmutter, eine leibliche
Mutter und eine Freundin von Ronja, außerdem ein Vater und ein Pferd auf.
Die anderen Jungen, bat ich ihr tägliches Pokemonspiel als Werbeunterbrecher
im Spiel einzusetzen. Damit sie als Werbemännchen erkennbar waren sollten
sie sich Mützen oder Hüte aufsetzen. Dies wollten sie erst nicht. Ich
erklärte ihnen dann aber, daß sie doch trotzdem Pokemon-Jäger und Monster
seien. Die anderen konnten sich nach ihrer Wahl verkleiden. Nun fehlte
noch ein Kind, das die Ansage für die Werbemännchen machen sollte. Das
fand sich dann auch und das Spiel konnte beginnen. Zugegeben, ein bischen
chaotisch lief das Spiel an, bekam dann aber durch den Einsatz der Werbemännchen
noch Form. Das Spiel dauerte ungefähr 20 Minuten, einschließlich der Probe.
Nachdem Spiel sprachen wir über den Ablauf und es stellte sich heraus,
daß die Werbemännchen in ihrem Spieleinsatz zufriedener waren, als die
Gruppe, die Ronja Räubertochter spielte. Sie fühlten sich wirklich in
ihrem Spiel zurecht gestört, da sie in ihrem Spiel häufig unterbrochen
wurden und darüber frustriert waren. Einstimmig beschlossen die Kinder,
daß Werbung ein richtiger Störfaktor ist.
2.2. Fazit
Den Schluß dieser
Arbeit möchte ich mit Eindrücken und Ergebnissen, vor allem aus den ersten
beiden Gesprächskreisen mit der Vorschulkindergruppe versehen, die für
mich sehr wichtig waren. Ich habe mich bewußt nicht an Datenmaterialien
orientiert, weil ich denke, daß empirische Aufzeichnungen, in Form von
Statistiken eher die Forschungen zu diesem Thema Kinder und Werbung theoretisch
behandeln, sicherlich auch weiterführend, aber nicht alle tieferen Beweggründe,
was Kinder zu diesem Thema tatsächlich beschäftigt in der direkten Praxis.
Im Verlauf meiner eher verbalen Untersuchungen im Gesprächskreis ist mir
aufgefallen, daß Vorschulkinder doch über ausgeprägte Vorstellungsgaben
verfügen können, wenn die Kinder nicht zu sehr duch Vorgaben von den Erziehern
oder Lehrern gesteuert werden. Die Äußerungen der Kinder, in Bezuig auf
Werbung in der ersten Gesprächsrunde, die noch ohne Anschauungsmaterialien
verlief, waren beeindruckend, denn die Kinder reagieren spantan auf Impulse,
wie Fragestellungen, aber auch Stichworte, die von anderen Kindern kamen.
Außerdem waren sie in der Lage sich ein Werbeplakat, daß für sie sichtbar
war vor Augen zu führen und mit viel eigener Phantasie konnten sie dieses
ausgestalten. Als sie es dann den anderen Gesprächsteilnehmern beschreiben
sollten, konnten diese es sich ebenfalls vorstellen. Die nach dem Gespräch
entstandenen gemalten Bilder, waren ein weiteres Ergebnis dafür, daß die
Kinder das Gesehene oder die von ihnen gelebte Phantasie wiedergeben konnten.
In der zweiten Gesprächsrunde hatten die Kinder konkretes Anschauungsmaterial,
was ihnen die Möglichkeit gab, sich gezielter zu orientieren. Hierbei
hatten sie die Aufgabe zunächst das Gesehene zuzuordnen. Als weiteren
Schritt aber auch die Botschaft der jeweiligen Werbeseite einzuordnen.
Was wird vermittelt? Auch hier zeigten sich die Kinder sehr konzentriert.
Interessant war auch, daß einige Kinder, die nicht immer den Inhalt der
Werbung erfassen konnten, sich ihre eigenen Geschichten dazu ausdachten,
was wiederum ihre rege Phantasie erkennen ließ. Mit dem Stehgreifspiel
schienen mir die Kinder nicht so zufrieden, was auch auf dem Video sichtbar
wird. Vielleicht war die Ronja- Gruppe zu sehr abgelenkt, durch die Einbrüche
der Werbemännchen und fühlte sich im Spiel blockiert. Sie ließen sich
auch "stören" und es war ganz offensichtlich schwierig für sie weiter
zu spielen, was sie imanschließenden Gespräch auch sagten. Denoch war
es faszinierend, daß alle am Spiel beteiligten Kinder auf eine eher ungewöhnliche
Art durch die Konfrontation mit dem Spiel, die Werbung als einen Störfaktor
empfanden.
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