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Armin Hottmann
"Klinsmann sieht
doch gut aus ...!"
Ein Videoprojekt zum
Thema "Sportstars"
Der Vater sitzt
vor dem Fernseher mit der Bierdose in der Hand. Trotz lauten Kommentars
des Sportreporters schläft er seelenruhig. Ihn berührt das Fernsehen nicht
mehr, denn er träumt von den sportlichen Erfolgen seines Sohnes Kevin.
"Kevin ist der Sieger!", schallt es aus allen Ecken. Kevin befindet
sich kurz vor dem Zieleinlauf, noch ein paar Meter, er berührt schon fast
das Zielband - er hat es geschafft! Die Cheerleader jubeln ihm zu, ein
Reporter möchte mehr von diesem Star wissen - und dann der Höhepunkt zum
Schluss: Kevin steht auf dem Siegerpodest. Doch auf einmal wird der Vater
aus dem Schlaf gerissen, die Mutter möchte etwas von ihm. Aus ist der
Traum vom Erfolg seines Sohnes.
Diese Szene stammt
aus dem Video "Der Sieger", das eine 6. Grundschulklasse angefertigt
hat. Während des siebenwöchigen Videoprojekts, das innerhalb des Deutschunterrichts
stattfand, sollten die Schülerinnen und Schüler sich mit dem Ablauf einer
Videoproduktion vertraut machen. Gleichzeitig setzten wir uns mit den
Medien, vor allem im Zusammenhang mit dem Thema "Sportstars"
auseinander, das von den Schülerinnen und Schülern bei der Themenwahl
für das Projekt deutlich favorisiert worden war. Wir betrachteten beliebte
Sportmedien und untersuchten den Inhalt und die Sprache der einzelnen
Beiträge. Ziel war es, hinter die hohe Sportbegeisterung der Mehrheit
der Klasse zu schauen und ihre Medienerlebnisse in den Mittelpunkt des
Deutschunterrichtes zu rücken.
Von Siegern und
Träumen - der Einstieg in das Projekt
Der Traum vom Erfolg?
Der Traum vom Star-Sein? Ist es das, was wir uns wünschen? - Über solche
und ähnliche Fragen kamen wir zunächst ins Gespräch. Zwei - in diesem
Fall von mir vorbereitete - kurze Rollenspiele über den Fußballspieler
Lothar Matthäus und einen unbekannten örtlichen Fußballer, die
aber ebenso gut von (zwei bis vier) Schülern übernommen werden können
(vgl. dazu die Kopiervorlage auf Seite 60), skizzierten provokativ einige
Aspekte des Star-Seins: Leistung, Geld, Glück, Liebe und Familie. Schnell
kamen dazu (diskussionswürdige) Äußerungen wie: "Natürlich wissen
wir, wie viel Geld Matthäus verdient." Oder: "Klinsmann
sieht doch gut aus ...!"
Das Interesse der
Schüler an einem vertiefenden Blick hinter die Kulissen war geweckt, aber
sofort auch der Konkurrenzkampf der einzelnen Fangemeinden: "Die
Bayern sind doch alle Deppen." - "Dortmund wird so oder so Meister."
Hier war es oft schwierig, sich objektiver über die "Superstars"
zu unterhalten und Emotionen zurückzustellen.
Fragebogen und
Rollenspiel
Um einen Aufhänger
für vertiefende Gespräche zu haben und jedem einzelnen Schüler die Chance
zu geben sich zu äußern, wurde in einem nächsten Schritt ein Fragebogen
verteilt (vgl. dazu die Kopiervorlage auf Seite 61), in dem es um die
Medienkenntnisse und Star-Präferenzen der Schüler ging. Die Antworten
waren zwar eher zaghaft: "Wie ist er (Michael Schumacher) zu seinem
Erfolg gekommen?" - "Wie viele Kämpfe hast du (Mike Tyson) schon
gewonnen?" Die Selbstdarstellungen als Sportstars ließen dagegen
die zahlreich vorhandenen Wunschträume erkennen ...
Danach gab es eine
erste praktische Gruppenarbeit mit verteilten Rollen: Jeweils vier Schüler
(Sportstar, Interviewer, Kameramann, Tontechniker) sollten ein kurzes
Interview mit einem Sportstar vorbereiten und dieses mit der Videokamera
aufnehmen. Ziel war dabei nicht nur eine weitere inhaltliche Auseinandersetzung,
sondern auch eine erste Begegnung mit der Videokamera. Das Ergebnis wurde
in der darauf folgenden Stunde gemeinsam betrachtet.
"BravoSport"
und anderes
Die Sportstars (ebenso
wie Musik- oder Filmstars usw.) tauchen überall in der Lebenswelt der
Schüler auf. Es gibt kaum ein Kinderzimmer ohne Poster, Zeitschriften
und Bücher zu diesem Thema. Mit diesen Printmedien beschäftigten wir uns
daher als Nächstes: Die Schüler sollten ihr "Sportmedien-Material"
zum Unterricht mitbringen. Dies ermöglichte eine weitere Inhalts-, aber
auch Sprachbetrachtung. So wurden mehrere Ausgaben der populären Jugendzeitschrift
"BravoSport" in Gruppenarbeit untersucht. Leitfragen waren:
Wie werden die Stars dargestellt: positiv oder auch negativ? Welche Sprache
benutzen die Zeitschriften? Die ausgewählten Zitate (vgl. dazu die Kopiervorlage
auf Seite 62) vermitteln einen Eindruck von der zumeist verherrlichenden
Sportsprache, besonders in "BravoSport", und ermöglichen gleichzeitig
eine entsprechende Sprachbetrachtung auch ohne Originalvorlagen.
Die Entwicklung
des Drehbuches
Der Drehbuchvorschlag
eines Schülers (siehe unten) bildete das Grundgerüst unseres geplanten
Videofilms. Folgender Inhalt entwickelte sich daraus: Kevin als Hauptfigur
ist der Klassenstar im Sportunterricht. Der Vater hat hohe Erwartungen
an seinen Sohn und behandelt ihn dementsprechend. Während des eigentlichen
Wettkampfes stürzt Mirko, ein eher benachteiligter Schüler. Kevin entschließt
sich, Mirko weiterzuhelfen und somit auf den ersten Platz zu verzichten.
Das missfällt natürlich nicht nur Kevins Fans, sondern vor allem seinem
Vater, der ihn dafür bestrafen will.
Damit war ein neuer,
eher unrealistischer Aspekt des Leistungssports eingeführt: der Gedanke
des Helfens und der Kameradschaftlichkeit. Trotz Erwartungsdruck vom Elternhaus,
den man vielleicht mit dem Mediendruck professioneller Stars gleichsetzen
kann, entscheidet sich Kevin gegen den Ruhm und hilft lieber seinem Kameraden.
- Auch hier dann der Bezug zu den echten Sportstars: Wo taucht so etwas
noch auf? Gibt es so etwas im professionellen Bereich? Wo helfen (sich)
die Stars (gegenseitig)?
Die Entstehung
des Videos
Nachdem sich die Schüler
auf ein Schlussdrehbuch geeinigt hatten, konnte die Umsetzung beginnen.
Ideen für die Gestaltung wurden gesammelt und Vorschläge für Details,
Requisiten und Dramaturgie notiert. Der schwierigste Schritt war die Verteilung
der einzelnen Rollen, da beispielsweise das Interesse für die Mutter-
und Vaterrollen sehr gering war.
Bereits die Proben
wurden - als Motivationshilfe und zur besseren (Selbst-) Kontrolle - mit
der Videokamera aufgenommen. Nach der gemeinsamen Beurteilung dieser Probeaufnahmen
entstanden dann, während eines Projekttages, die eigentlichen Bilder.
In einer weiteren Schulstunde wählten wir die besten Szenen aus, die anschließend
von mir zu einem zehnminütigen Beitrag zusammengeschnitten wurden. Der
fertige Videobeitrag mit dem Titel "Der Sieger" wurde schließlich
sogar im Offenen Kanal Berlin ausgestrahlt. So konnten die Schüler ihren
Beitrag zu Hause auch ihrer Familie vorstellen und waren darüber hinaus
mit ihrem "alternativen" Sportporträt selbst als "Fernsehmacher"
aktiv.
Ein erstes Fazit
...
Das Videoprojekt war
für die Mehrheit der Schüler eine willkommene Abwechslung (wenn auch einige
Mädchen sich nicht ganz mit dem Inhalt identifizieren konnten) und hat
ihnen besonders in Bezug auf die Produktion viel Spaß gemacht: die Arbeit
mit der Kamera, der Entwurf der Rollen, das Darstellen und sich dann auf
dem Bildschirm wiederzusehen.
Sicherlich ist solch
eine Videoproduktion komplex und bringt nicht unbedingt mehr Lerneffekte
als ein einfacheres Medienprojekt mit sich. So könnte man zum Beispiel
Teile des Schulsportfestes aufnehmen und anschließend besprechen oder
auch auf bestehende Aufnahmen, die zum Beispiel die Eltern mitgeschnitten
haben, zurückgreifen.
... und was man
sonst noch machen könnte
Auch ohne die Videokamera
gibt es viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema "Sportstars".
Je nach Alter könnte man Folgendes behandeln:
·
Warum beschäftigen wir uns mit Stars?
·
Warum gefallen uns die Stars überhaupt, lieben wir sie,
träumen wir von ihnen?
·
Sind sie für uns ein Vorbild, möchten wir auch einmal so
ein Star sein?
·
Sind die Stars tatsächlich so sportlich?
·
Sind wir enttäuscht, wenn unsere Lieblingsstars versagen
und keine guten Leistungen bringen (Beispiel: Fußballweltmeisterschaft
1998)?
·
Wie verhalten sich die Stars im Alltag, was machen sie,
was gefällt ihnen?
·
Sind die hohen Gehälter für die Stars gerechtfertigt?
·
Warum gibt es so viele Werbung im Zusammenhang mit Stars,
muss das sein?
·
Sind die Stars von dem vielen Geld abhängig, brauchen sie
es?
·
Hat das Geld positive oder negative Einflüsse auf ihr Leben?
Eigenes Thema Sportfernsehen
In unserem Projekt
stand vor allem die Analyse der Printmedien im Vordergrund. Natürlich
bietet sich ebenso die Betrachtung des Sportfernsehens an, das immer mehr
Material anbietet und sich inzwischen auch in reinen Sportsendern präsentiert.
Die Sport-Fernsehindustrie floriert, zahllose Sportnischen bieten Jugendlichen
die Möglichkeit, sich 24 Stunden pro Tag mit Sport zu befassen. An dieser
Stelle könnte man zum Beispiel einsteigen und den Zeitumfang von Sportsendungen
anhand der Programmzeitschriften auswerten.
Eine weitere Analysemöglichkeit
bietet die Vermarktungspolitik des Sports. Werbung findet sich nicht nur
während der Sportsendungen, sondern zum Beispiel auch auf der Kleidung
der Sportler und in den Sportstätten. Einzelne Marken(namen) werden mit
bestimmten Sportarten oder Sportlern verknüpft - und entsprechend verkauft.
Durch das Betrachten verschiedener kurzer Videoaufnahmen von Sportsendungen
könnte man sich einen Überblick verschaffen und sich mit dem Ergebnis
auseinander setzen.
Thema für eine eher
schwierigere Analyse wäre die gestalterische Seite von Sportsendungen.
Ein Fußballspiel wird heute nicht mehr nur mit drei, sondern oft mit bis
zu zehn Kameras aufgenommen. Welche Eindrücke hinterlassen bestimmte Kamerapositionen?
Wie viele Bildwechsel gibt es pro Minute? Welche Worte benutzt der Kommentator?
An welchen Stellen wird Musik unterlegt? Auch hier könnte die Betrachtung
von Videoaufnahmen einen guten Einblick vermitteln.
Vielleicht kann man
durch all diese Ansatzmöglichkeiten weitere Brücken zwischen der Schul
- und der Lebenswelt der Schüler schlagen und ihnen die (wichtige!) Auseinandersetzung
mit den Medien innerhalb des Unterrichts ermöglichen. - Viel Spaß bei
der Umsetzung!
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