Armin Hottmann: Schülernachrichten im Offenen Kanal

Das Medienprojekt 'Die 23 Muskeltiere' ist ein Beispiel, wie die Möglichkeiten des Offenen Kanal Berlins benutzt werden können, um Grundschülern das Medium 'Fernsehen' näherzubringen. Fernsehen ist noch immer die populärste Freizeitbeschäftigung der jungen Generation. Die Unterhaltungsindustrie befrachtet die Schüler mit einer unendlichen Anzahl von Botschaften. Die Schüler selbst bekommen aber wenig Unterstützung, wie sie mit diesen Botschaften umgehen können. Ihnen wird nicht mitgeteilt, daß man und wie man die Botschaften analysieren, diskutieren und herstellen kann. Genau diese Vorhaben sind die zentralen Ziele unseres Medienprojektes.

Für die praktische Umsetzung unseres Projektes ist der Offene Kanal ein idealer Partner. Seine Strukturen liefern Möglichkeiten, die im Bereich der aktiven Medienarbeit einzigartig sind. Schüler können die Technik des Offenen Kanals benutzen, sie können in zwei verschiedenen Studios Sendungen aufzeichnen. Und vor allem bietet der Offene Kanal die spannende Möglichkeit, daß die selbst hergestellten Sendungen dann auch im Fernsehen betrachtet werden können.

Die Projektaktivitäten der '23 Muskeltiere' laufen seit 6 Jahren in 10 Grundschulen im Südosten von Berlin. Zielgruppe sind die 9 bis 12 jährigen Schüler, in Berlin sind das die Klassen 4 bis 6. Seit Projektbeginn wurden ca. 50 Projekte durchgeführt und von dem gemeinnützigen Verein Kulturring in Berlin getragen. In den letzten 2 Jahren haben sich die Themen vor allem auf das Genre 'Fernsehnachrichten' konzentriert. Im folgenden möchte ich die Ideen und den Ablauf der Nachrichtenprojekte kurz skizzieren.

Die Welt der Nachrichten

Das Nachrichtenangebot der Fernsehsender hat sich in den letzten 5 Jahren sehr stark erhöht. Die meisten Sender haben Kurznachrichten im Programm, die immer wieder, zusätzlich zu den Hauptnachrichten, das Publikum mit den allerneuesten Neuigkeiten versorgen. Spezielle Nachrichtensender bieten eine Nachrichtenvollversorgung an (solch ein neuer Nachrichtensender möchte ironischerweise die Sendefrequenz des Offenen Kanals übernehmen).

Dieses breite Nachrichtenangebot geht auch an den Schülern nicht vorbei. Nachrichtensendungen sind nicht die Lieblingssendungen von Schülern, trotzdem bekommen sie die Informationen mit und kennen die einzelnen Sendungen, bzw. Sender sehr gut. Auch für Schüler ist es wichtig, daß sie Bescheid wissen, was in der 'Welt' passiert. Beim Nachfragen stellt man aber fest, daß die Zusammenhänge oft fehlen und nur Fragmente der Informationen bekannt sind (die Nachrichtensendungen sind ja auch nicht für Schüler gemacht). So waren den Schülern zum Beispiel während des Kosovo Krieges viele Bilder geläufig - Kinder und Frauen auf der Flucht, zerstörte Häuser. Die Hintergründe des Krieges dagegen fehlten.

Der Nachrichtenbegriff selbst ist breit gefächert: Zu den Nachrichtensendungen gehören nicht nur die klassischen Sendungen, sondern alles in der Bandbreite der Magazine und Boulevardsendungen. Zwischen 'Taff' und 'Tagesschau' gibt es keine Abgrenzungen. Dies ist auch bei den eigentlichen Produktionen der Schüler sichtbar. Hier fällt vor allem der Sprachstil der Sprecher auf, dieser orientiert sich eher an den Boulevardsendungen als an den klassischen Nachrichtensendungen.

Der Weg zur eigenen Sendung

Was ist überhaupt eine Nachricht? Welche Nachrichtenbeiträge gibt es im Fernsehen? Warum tauchen keine Nachrichten über Schulen, über die eigene Wohnumgebung auf? Die Auswertung einer Hausaufgabe, dem Protokollieren mehrerer Nachrichtensendungen in Form eines Tagebuches, bestätigt vorab gesammelte Stichworte. Neuigkeiten aus der Schule tauchen in den Hauptnachrichten nicht auf, sondern eher Politik (Inland), Politik (Ausland), Katastrophen, Unfälle, Stars, Sport und Wetter.

Warum werden aus den Millionen täglichen Nachrichten immer nur diese wenige Nachrichten ausgewählt? 'Schulnachrichten sind doch langweilig', meinen manche Schüler. Warum ist das so? Warum bevorzugen wir sensationelle Nachrichten den eher alltäglichen Nachrichten aus unserem Umfeld? Warum sind viele Nachrichten so negativ? Hier begannen oft interessante Diskussionen im Klassenraum.

Die Aussicht auf eine eigene Nachrichtensendung motivierte jeden in der Klasse. So etwas gab es noch nicht, daß die eigene Klassenproduktion im Fernsehen veröffentlicht wird. Und so wurden Gruppen zusammengestellt (in der Regel bildeten 4 Schüler ein Redaktionsteam) und erste Ideen gesammelt: Was gibt es von unserer Schule zu berichten? Häufige Themen waren die Vorstellung von besonderen Schulfächern und Aktivitäten im Schuljahr. Als nächster Schritt wurden die ersten Textentwürfe verfasst und Hintergrundgrafiken entworfen. Reporterteams interviewten Mitschüler und Lehrer und wählten das beste Material aus - die Vorbereitungen für den Studiotag waren abgeschlossen.

Im Studio 2 des Offenen Kanals

Der Projekttag beim Offenen Kanal war für die meisten Schüler der Höhepunkt des gesamten Projektes. Die Gruppen gingen nacheinander in das Studio, um dort ihre vorbereiteten Präsentationen aufzunehmen. Jede Redaktionsgruppe hat ihre eigene Aufgabenaufteilung: Zwei Schüler an der Kamera, einer war für den Ton verantwortlich und dann die Hauptperson, der Nachrichtensprecher. Der Ablauf wurde noch einmal geprobt und dann entweder direkt live ausgestrahlt (hierbei gab es kurze Pausen beim Wechsel der einzelnen Gruppen) oder auf Band aufgezeichnet. Bei der Aufzeichnung hat man mehr Gestaltungsmöglichkeiten: Die besten Aufnahmen werden ausgewählt, vorab produziertes Material kann im Videoschnitt integriert werden.

Die Schüler sind am Ende der Produktion angelangt: die Sendung kann ausgestrahlt werden. Da die meisten Schüler zu Hause Kabelanschluß haben (in Berlin sind das inzwischen ca. 1.5 Millionen Teilnehmer), können sie ihre eigene Nachrichtensendung zusammen mit der Familie und Freunden betrachten. Natürlich ist die fertige Sendung keine 'professionelle' Produktion. Die Kameraführung ist unruhig oder der Ton ist nur leise zu hören. Bei der gemeinsamen Auswertung fallen den Schülern auch noch andere Fehler auf, die sie beim nächsten Mal besser machen könnten (leider gibt es normalerweise kein nächstes Mal).

Schülernachrichten im Offenen Kanal?

Die Lernmöglichkeiten eines Nachrichtenprojektes sind vielfältig. So hilft es zum Beispiel dem Ausdrucksvermögen, der Teamarbeit und gibt einen Einblick in die Nachrichenproduktion. Durch den Miteinbezug des Offenen Kanals werden die Lernmöglichkeiten erweitert. Die Studios ermöglichen die Produktion einer richtigen Nachrichtensendung, die sonst nirgendwo möglich wäre. Die Schüler können die Studiokameras ausprobieren und benutzen, den Zusammenschnitt von Kamerabildern mit einem Bildmischpult erlernen und die Tonmischung kontrollieren. Außerdem wird der Lichtaufbau, die Aufnahmetechnik und die Sendeabwicklung vermittelt.

Durch die Motivation der Produktion sind die Schüler auch offener für theoretische Fragen, die Nachrichten und Fernsehen im allgemeinen betreffen. Trotzdem kann solch ein Medienprojekt nur einen ersten Anstoß geben. Es ist elementar, daß in Zukunft Medienthemen regelmäßig aufgegriffen werden. Denn nur so können die jungen Menschen lernen, wie sie sich in der modernen Medienwelt besser zurechtfinden können.

Der Offene Kanal Berlin (und überhaupt jeder Offene Kanal) kann dafür wichtige Elemente einer aktiven Medienerziehung miteinbringen. Es wäre ein großer Verlust für unsere Projektarbeit (und natürlich für Gesamtberlin) wenn die Berliner Koalitionspolitiker den Offenen Kanal schließen würden. Seit diesem Schuljahr läuft das Nachrichtenprojekt mit Partnern in England und Spanien. Weitere Informationen findet man auf den Internetseiten des Projektes. Interessierte Lehrer können sich dort zur Teilnahme anmelden.