Armin
Hottmann: "Warum sprechen denn die so schnell?"
Auf
der Suche nach Wegen zur interkulturellen Medienarbeit
Das Medienprojekt
Die 23 Muskeltiere
Schon
seit fast sieben Jahren werkeln die Muskeltiere im Südosten von Berlin.
Hinter der Namensidee einer 5. Klasse aus Berlin-Köpenick verbirgt sich
ein medienpädagogisches Vorhaben mit Angeboten für die Grundschule (Klassenstufe
vier bis sechs), das von dem Verein Kulturring in Berlin getragen wird.
Inzwischen wurden fast 60 Projekte in 15 Grundschulen mit einer durchschnittlichen
Projektdauer von 2 Monaten durchgeführt. Die Aktivitäten fanden vornehmlich
innerhalb des Unterrichts statt, in der Regel während einer Doppelstunde
pro Woche (meistens im Rahmen des Deutschunterrichts) und schließen normalerweise
zusätzliche Projekttage und außerschulische Angebote mit ein.
Warum
setzen wir uns für diesen Medienunterricht ein?
Das
Fernsehen ist noch immer die populärste Freizeitbeschäftigung der jungen
Generation. Kinder und Jugendliche werden von der Unterhaltungsindustrie
mit einer Menge an Botschaften befrachtet, doch im Umgang damit erfahren
sie nur wenig Unterstützung. Ihnen wird nicht mitgeteilt, dass man und
wie man die Botschaften herstellen, analysieren und diskutieren kann.
Genau dies ist das zentrale Ziel unserer Medienarbeit.
Im
Mittelpunkt aller Projekte steht die gemeinsame Herstellung eines Videofilms.
Die Themen der einzelnen Sendungen waren am Anfang sehr vielfältig: Schulreportagen,
Dokumentationen, Theaterinszenierungen, einfache Trickfilme, Sendungen
über andere Länder, aber auch Unterrichtsthemen. In den letzten drei Jahren
bildete sich das Schwerpunktthema "Nachrichten" heraus - mit
Inhaltsbezügen zur Schule allgemein, zu Unterrichtsfächern und der Wohnumgebung.
Die
Videosendungen werden im Offenen Kanal Berlin ausgestrahlt. Die Veröffentlichung
der Aufnahmen ist für die Schüler wichtig und spannend: Man erreicht ein
größeres Publikum und kann somit aktiv an der großen Medienwelt
teilnehmen. Die Kooperation mit dem Offenen Kanal bietet auch den Zugang
zu hochwertiger Produktionstechnik, so wurden in der Vergangenheit viele
Produktionen im kleinen Fernsehstudio aufgenommen und vereinzelt gleichzeitig
live ausgestrahlt. Zur Zeit besitzen die Muskeltiere eine eigene Sendeschiene.
"Nachrichten
aus Europa" - das EU-Projekt
Im
EU-Projekt Sokrates, das von der Bildungskommission der Europäischen
Gemeinschaft unterstützt wird, sollen die Absichten der Muskeltiere auf
(west-)europäischer Ebene ausgeweitet und das Thema "Nachrichten"
weiterentwickelt werden. Sechs Partner aus Spanien, England und Deutschland
formieren dabei ein Netzwerk. Die Videofilmproduktion der drei Partner-Grundschulen
wird von den jeweils verantwortlichen Lehrern durchgeführt und betreut.
Gleichzeitig wird der Projektprozess von Experten aus universitären Einrichtungen
beobachtet und dokumentiert.
Das
EU-Projekt begann im Herbst 1999 und soll voraussichtlich im Sommer 2002
abgeschlossen werden. Es wird versucht, die Bereiche Medienpädagogik und
interkulturelle Erziehung zusammenzubringen. Als Ergebnis sind Unterrichtskonzepte
und Curriculumvorschläge für den Grundschulunterricht (Altersstufe 10-12)
vorgesehen, die ein Zusammenwachsen von Kulturen fördern können.
Welche
interkulturellen Bedeutungen bringen die Medienbotschaften, die wir täglich
rezipieren, mit sich? Welche Weltbilder werden hier konstituiert? Welche
Botschaften (Meinungen, Vorurteile) liegen im nichtmedialen Lebensumfeld
vor? Inwieweit decken sich diese beiden Bereiche? Diese Fragen bilden
den thematischen Hintergrund des Projektes. Wenn wir uns wünschen, dass
Vorurteile gegenüber anderen Kulturen abgebaut werden, ist es wichtig,
dass wir erst einmal feststellen, welche Vorurteile existieren und inwieweit
die Medien diese Botschaften aufgreifen und zum Teil sogar verstärken.
Die
eigene praktische Medienarbeit möchten wir dabei als Hilfsmittel zur Analyse
der Medienbotschaften verwenden. Wir wollen einen langfristigen reflexiven
Produktionsprozess beginnen und hoffen, dass sich dadurch eine kritischere
Haltung gegenüber den konsumierten Botschaften entwickeln kann.
"Nachrichten
aus der Schule" - die erste Projektaufgabe
Bei
dem ersten Treffen aller Partner in Berlin im Herbst 1999 wurde lange
diskutiert, welchen Einstieg wir für die erste Aufgabe wählen sollten.
Der Wunsch bestand, die Schüler nicht mit den vielen medienpädagogischen
und interkulturellen Ziele zu überfrachten, sie nicht schon zu Beginn
in eine bestimmte Richtung zu "programmieren".
Als
Einstiegsaufgabe wählten wir die Produktion einer Sendung zum Thema "Schulnachrichten".
Dieses Thema erschien den Partnern leicht nachvollziehbar und vom Inhalt
her vertraut zu sein. Die Kinder würden die Aufgabe, ihre Schule in einer
zehnminütigen Videosendung vorzustellen, erhalten. Der Produktionszeitraum
sollte sich von Dezember bis Februar erstrecken, die Ausstrahlung der
ersten Sendungen im März erfolgen.
Anfang
Dezember begann dann schließlich die Arbeit in den drei Schulen. Den Ablauf
gestaltete jede Klasse unterschiedlich: je nachdem, wie oft der Partnerlehrer
in der Klasse war (in England war der Lehrer jeden Tag komplett in der
Klasse, in Spanien nur während des Englischunterrichts und in Deutschland
während des Deutsch- und Biologieunterrichts). Die Projektdurchführung
fand z.T. während der Unterrichtsstunden, im Zusammenhang mit bestimmten
Aktivitäten (vor allem in der Weihnachtszeit), an Projekttagen und auch
außerschulisch statt.
Zu
Beginn stellten sich die Partnerklassen vor ("Hello, my name is...")
und die Schüler erörterten was ihnen zu den einzelnen Partnerländern einfiel,
welche Kulturen in ihrem Lebensumfeld präsent waren und inwieweit bisher
Menschen aus anderen Kulturen kennen gelernt hatten. Diese ersten Videoaufnahmen
wurden dann ausgetauscht.
Anschließend
begann die eigentliche Produktion der Nachrichtensendung. Zuerst sammelten
alle 70 Schüler im Rahmen einer Hausaufgabe Ideen für die Videofilme.
Es wurden Produktionsgruppen gebildet (meistens 4 Schüler), die sich für
ein Beitragsthema entscheiden mussten. Folgende Themen sind in den ersten
Nachrichtensendungen vertreten:
·
Thorn Grove Primary School (Manchester): Schulvorstellung,
Zeichensprache, Lehrerinterview, "Blue Peter" Wohltätigkeitsverkauf,
Theaterstück der Schule, Weihnachtsparty
·
Colegio Rural Agrupado La Sierra (Pradena): Kurznachrichten,
Sportunterricht, Computerprojekt, Einwanderer
·
Grundschule am Berg (Berlin): Geschichte der Schule,
Schulregeln, Konflikte - Lösung, Trends in der Schule, WUV (Wahlunterrichtsverpflichtung),
Weihnachten
Ein
Arbeitsplan wurde erstellt; und schon starteten die ersten Gruppen mit
dem Sammeln des Videomaterials. Jede Schulklasse bekam eine digitale Videokamera
und einen Sichtplatz zur Verfügung gestellt. Der Umgang mit der Videotechnik
wurde nicht explizit "unterrichtet", die Schüler erlernten dies
während der Aufnahmen. Am Anfang gab es darum manche Enttäuschung auch
über fehlenden Ton, über Windgeräusche, die das Interview überdeckten,
oder über versehentlich gelöschte Aufnahmen; jedoch konnten durch die
sofortige Kontrollmöglichkeit im Klassenzimmer Fehler schnell gesichtet
und korrigiert werden. Der dreimonatige Produktionszeitraum bot allen
Schülern genügend Zeit, um technische oder inhaltliche Schwächen zu verbessern.
Die
nächste Produktionsstufe war die Anfertigung der Nachrichtentexte von
den Schülern, bei denen Lehrer ihre Hilfestellung anboten. Um die Atmosphäre
eines Nachrichtenstudios auch visuell umzusetzen, fertigten einzelne Schüler
Kulissen an.
Die
anschließenden Aufnahmen fanden in Berlin im Studio des Offenen Kanals
statt, die Partner in England und Spanien richteten dafür einfache Nachrichtenstudios
in ihren Klassenräumen ein.
Die
Original-Videobänder aller Partner wurden in Berlin für die Nachbearbeitung
gesammelt. Die Schüler hatten die Auswahl des Materials und die Reihenfolge
vorab festgelegt. Um die Kommunikation zwischen den Partnern zu erleichtern,
wurden die Beiträge mit Unter- und Zwischentiteln in allen drei Sprachen
versehen. Die fertigen Sendungen wurden untereinander ausgetauscht und
sowohl im Offenen Kanal Berlin als auch über Satellit (Europe by Satellite)
ausgestrahlt.
Eine
erste Auswertung
Im
März 2000 fand ein erstes Auswertungstreffen der drei Universitätspartner
in London statt. Es wurde überlegt, wie wir als Partner und gemeinsam
mit den Schülern dieses Projekt auswerten könnten.
Wenn
wir den Schülern Medienkompetenz vermitteln wollen, gehört dazu selbstverständlich
die kritische Analyse von Medienbotschaften, folglich hatten wir diese
auch bei unseren eigenen Sendungen durchzuführen. Zum einen konnte man
sagen, dass alle drei Klassen einfach nur ihre Schule mit ihren
Gegebenheiten darstellten. Entscheidend ist aber auch, wie die
Schule dargestellt wurde. Welche Elemente wurden gezeigt, welche wurden
nicht gezeigt? Jede Klasse konstruierte ein eigenes Bild ihre Schule,
ihr Bild: Wie wird unsere Schule dargestellt? Welches andere Bild
hätten wir zeigen können? Was meinen unsere Mitschüler dazu, finden sie
das genauso? Wie hätten sie das gemacht?
Hier
ist es wichtig, dass bei den Schülern ein reflexiver Prozess eingeleitet
wird. Die Vorbereitung und Herstellung einer Videosendung macht immer
viel Spaß, unser Ziel ist aber, dass zum Weiterdenken angeleitet wird.
In
Berlin versuchten wir durch Fragebögen, Klassendiskussion, Videointerviews
und Aufsatzberichte diesen Prozess in Gang zu setzen. Hier ein paar Auszüge
aus den Fragebögen der Berliner Schüler:
·
Stellten wir unsere Schule realistisch dar?
"Ja, es ist so
wie immer."
"Es geht
so."
"Wir haben
nicht alles dargestellt, aber ich denke schon."
·
Was könnte bei anderen deutschen Schulen anders sein?
"Die Geschichte."
"Vielleicht
ein anderer Schulhof und andere Klassenräume."
"Das sie
keine eigene Fernsehsendung haben."
"Jede Schule
hat Probleme, wir haben viele Schüler, na ja, das ist unterschiedlich."
"Ich weiss
nicht."
Wie
sich hier in den Antworten der Schüler zeigt (und vielleicht zu erwarten
war) gestaltete sich die kritische Reflexion der eigenen Sendung noch
schwierig. Der nächste Blick, der sich auf die Sendungen der Partnerschüler
richtete, war da schon einfacher:
·
Was ist dir (über die spanische Sendung) aufgefallen
?
"Sie hatten Untertexte."
"Sie sprechen
sehr schnell."
"Die hatten
nur wenig Themen."
"Sie machen
viele Aufführungen."
"Dass sie
sich sehr viele Mühe gegeben haben."
"Dass die
Schule kleiner ist."
·
Was ist dir (über die englische Sendung) aufgefallen?
"Dass sie viel
Zeichensprache gemacht haben."
"Sie hatten Schulkleidung
angehabt."
"Das sie
sich sehr bemüht haben."
"Nix."
"Sie haben
uns sehr viele Projekte gezeigt."
·
Stellst du dir eine englische Schule so vor?
"Ich
war noch nicht in einer englischen Schule, daher weiß ich es nicht."
"Ja."
"Ich war
noch nicht in England."
"Ja, natürlich!"
"Nein."
Die Schüler nahmen
insgesamt durchaus einzelne Botschaften wahr, taten sich aber schwer,
diese innerhalb einer zusammenhängenden Konstruktion zu erkennen.
Eine Mädchengruppe
aus England jedoch versuchte eine Interpretation der deutschen Sendung:
Die Mädchen fanden es mutig, dass die Klasse über Auseinandersetzungen
während der Hofpausen berichtete und damit einen nicht nur positiven Gesamteindruck
vermittelte.
Bei
Klassendiskussionen in Berlin tauchten immer mal wieder Verallgemeinerungen
über die Darstellung der Partnersendungen auf, die jedoch im Gegensatz
zu unseren Zielen (Abbau von Vorurteilen z.B.) standen: "Das ist
typisch Spanisch" oder "So habe ich mir England vorgestellt".
Solche Äußerungen dienen eher der Abgrenzung als dem Zusammenfinden. Der
eigene Film wird schnell in den Vordergrund gestellt. Außerdem beobachteten
wir sehr selbstbezogene Einstellungen, wie die Aussage eines Berliner
Schülers zeigt: "Wir sind ja so oder so die Besten."
Der
spanische Lehrer berichtete Ähnliches von einigen Jungen, die das ganze
Projekt als Konkurrenzkampf auffassten, so wie das im europäischen Fussball
der Fall ist. Diese Reaktionen wurde durch die Produktion von drei unabhängigen
Sendungen unterstützt.
"Nachrichten
und mehr" - die nächsten Schritte
Wenn
wir an dieser Stelle ein erstes Fazit versuchen, dann sind mehrere Punkte
zu bedenken. Im ersten Jahr setzte sich bei den Schülern auf jeden Fall
ein medienproduktiver Prozess in Bewegung. Schüler wurden befähigt, eigene
Medienbotschaften zu produzieren und sie zu betrachten. Trotzdem war die
Reflexion der Schüler an vielen Punkten zu mager und zu sehr auf Details
konzentriert. Wir denken, dass sich die Prozesse wiederholen müssen, um
eine kompetente Medienhaltung bei den Schülern zu erreichen. Nur wenn
sich Schüler längerfristig produktiv und reflexiv mit den Medien beschäftigen,
können sie lernen, auch Botschaften von anderen Produzenten (z.B. "im
richtigen Fernsehen") besser beurteilen zu können.
Ende
des Jahres diskutierten die Partner intensiv darüber, wie das Projekt
verbessert und weiterentwickelt werden könnte, welche Wege eingeschlagen
werden könnten, um den reflexiven Prozess besser zu unterstützen. Daraus
entwickelten sich die Ideen für die nächste Aufgabe. Unter der Überschrift
"Kommunikation" möchten wir einzelne Elemente der Videoproduktion
untersuchen. Im ersten Projektjahr war eine Videosendung das Endprodukt
der Aufgaben. Im Gegensatz dazu möchten wir nun den eigentlichen Produktionsprozess
zur Sendung machen und die Elemente Gestik, Bild und Ton separat angehen..
Zum
Einstieg wollen wir nonverbale Übungen mit allen Partnerschülern durchführen,
um folgende Schwerpunkte zu behandeln:
·
Was passiert, wenn ich in die Kamera schaue?
·
Wie verändert sich die Stimmung, wenn ich mein Gesicht verändere?
·
Wie kann ich bestimmte Gemütsstimungen vermitteln?
Als
nächste Stufe werden diese Bilder mit unterschiedlichen Tönen unterlegt,
um Veränderungen der Botschaften zu untersuchen. An den digitalen Schnittplätze
kann man gut mit verschiedenen Kombinationen von Bild und Ton experimentieren
und unterschiedliche Wirkungen ausprobieren. Gleichzeitig soll hier auch
auf die Wirkung beim Publikum eingegangen werden:
·
Wie wirken Bild und Ton zusammen?
·
Wie verändern sich die Bedeutungen im Schnitt?
·
Wie wird die Botschaft 'verfremdet'?
·
Wie werden die Botschaften von anderen (Mitschülern, Partnern
etc.) aufgenommen?
Gespannt warten wir
auf die weitere Projektentwicklung, neue Einsichten und neue Kontakte.
Dieser Artikel erschien
im TV Diskurs 14 der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.
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